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Mädchenleiche unter der Hunsrückeiche
Hunsrückkrimi
Heinz-Peter Baecker
Pandion-Verlag, Simmern
300 Seiten

Leser(inn)en aller Altergruppen, vor allem solche mit regionalem Bezug zum Hunsrück

"Mädchenleiche unter der Hunsrückeiche"

Samstagabendmesse in der St. Anna-Kirche von Bayberg, einem kleinen Hunsrückdorf oberhalb von Oberwesel. Etwa fünfzehn Augenpaare sind auf das Geschehen am Altar gerichtet. Die Aufmerksamkeit der Männer konzentriert sich dabei vor allem auf die Messdienerin Brigitte Mallmann, mit ihren vierzehn Jahren gerade an der Schwelle zwischen Kind und Frau, mit ihrer unberührten Schönheit fast an der Schwelle zum Engel ... Da pocht das Lebensverlangen im Mann. Da braut sich Ungutes zusammen. Auch der Pastor spürt es. Am nächsten Morgen ist Brigitte tot. Die alte Hedwig Liesenthal, seit undenkbaren Zeiten Kirchenmusikerin in St. Anna, findet die Tote unter der Hunsrückeiche nahe dem Dorffriedhof. Und das am Sonntag.

Auch bei der Kripo Koblenz hatte man sich den Sonntag anders vorgestellt. Der sympathische Kommissar mit dem Spitznamen „Fuß“, Kripobeamter aus Pflicht, daneben Hobbywinzer aus Passion, wird mit dem Fall beauftragt. Vor Ort finden er und sein Kollege Weiler heraus, dass sie alle dunkle Flecken in ihren Alibis haben, die Männer von Bayberg. Jeder könnte der Mörder gewesen sein. Allen voran der Mann, der als erster Tatverdächtiger festgenommen wird: Norbert Stiehl, der Bruder der alten Liesenthal. Von ihm wurde ein Jackenknopf am Tatort gefunden – wobei die Polizei bereits ermittelt hat, dass der Tatort nicht der Fundort der Leiche war.

Und dann die überraschende, vorerst noch nicht bekannt gemachte polizeiliche Erkenntnis: Es war gar kein Mord. Brigitte litt an einem Herzfehler. Sie starb an Herzversagen, während sie mit einem Mann Oralverkehr hatte - ohne Anzeichen von Gewaltanwendung. Es muss ein Mann gewesen sein, zu dem das Mädchen eine innige Gefühlsbeziehung hatte. Wer kam da infrage? Etwa Carlos, der rassige Junge aus dem Dorf, ebenfalls Messdiener und mit spanischem Feuer für Brigitte entflammt? Oder einer der Steils-Söhne vom Bauernhof nahe der Hunsrückeiche? Vor allem bei Günter, dem Älteren, munkelt man im Dorf von Vorstrafen, auch wegen sexueller Belästigung. Aber auch der Steils-Vater soll sich schon an Brigitte herangemacht haben. Und was ist mit Brigittes Vater, der die Familie vor einigen Jahren verlassen hat? Seine Frau sagt aus, er habe eine ausgesprochene Vorliebe für Oralverkehr. Traf er sich etwa heimlich mit Brigitte? Hoffte sie ihn zurückgewinnen, indem sie ihm sexuell zu Willen war? Oder war alles ganz anders? Wie gefährlich ist der geistig zurückgebliebene Waldarbeiter Anton Schuck, der so gern mit Brigitte spielte, als wäre sie eine seiner Puppen? In seiner Vergangenheit gab es da eine dunkle Episode mit einer Krankenschwester, die er getötet hat ... Und dann ist da noch der zwielichtige Wirt des Dorflokals, zu dessen Spezialität das Ver- und Entführen junger Mädchen zu gehören scheint - wo war er zur Tatzeit?

Fragen über Fragen. Auch ein Gespräch mit Pastor Bergheimer, der die Samstagabendmesse gehalten hat, trägt nicht zu ihrer Beantwortung bei. Zwar hat Fuß das Gefühl, dass der Geistliche mehr weiß, als er ausspricht, aber das Beichtgeheimnis muss er respektieren. Wenn der Täter bei Pastor Bergheimer gebeichtet und die Absolution erhalten hat, so kann der Geistliche ihn hinterher nicht verpfeifen. Eines aber weiß die Polizei mittlerweile sicher: Der alte Stiehl war es nicht. Eine Speichelanalyse mit DNA-Vergleich fiel eindeutig zu seinen Gunsten aus. 

Am Gründonnerstag wird Kommissar Fuß zu einem weiteren Todesopfer in Bayberg gerufen. Diesmal liegt die sechzehnjährige Iris Steils tot unter der Hunsrückeiche. Und diesmal spricht tatsächlich alles für Gewaltanwendung und Mord. Ein raffiniert inszenierter Mord, der so aussehen soll, als ginge er auf das gleiche Konto wie der vermeintliche Mord an Brigitte Mallmann. Kommissar Fuß und sein Kollege müssen gar nicht weit nach dem „Trittbrettfahrer“ suchen: Iris starb im trauten Familienkreise. Vater Steils litt seit dem frühen Tod seiner Frau unter sexuellem Notstand – und Tochter Iris war der Verstorbenen so aufreizend ähnlich ... Während der Alte versuchte, seine Tochter zu vergewaltigen, versuchte sein jüngster Sohn Horst, ihn daran zu hindern. Das bezahlte er mit Prügeln bis zur Bewusstlosigkeit. Als Horst wieder zu sich kam, war seine Schwester tot. Ermordet von ihrem eigenen Vater während des missglückten Vergewaltigungsversuchs. Bruder Günter und Vater Steils schafften die Leiche aus dem Haus und entsorgten sie wie Müll unter der nahen Hunsrückeiche. Beide werden festgenommen. Horst hingegen muss sehen, wie er mit der familiären Hinterlassenschaft fertig wird.

Immerhin können Fuß und Weiler einen ersten Aufklärungserfolg vorweisen. Im Fall Brigitte Mallmann jedoch treten sie auf der Stelle. Ging auch hier ein Familiendrama voraus? Bei Brigittes Beerdigung taucht plötzlich ein Fremder auf, dem Brigittes Mutter um den Hals fällt. Herr Mallmann ist es nicht. Stattdessen eröffnet Karin Mallmann den Kripobeamten, dieser Mann, Thomas Klinkhammer, sei der wirkliche Vater ihrer verstorbenen Tochter. Kurz vor der Hochzeit mit Wolfgang Mallmann habe sie sich von Klinkhammer getrennt und ihr gemeinsames Baby als leibliches Kind ihres Mannes ausgegeben. Erst jetzt nach Brigittes Tod habe sie Klinkhammer wissen lassen, dass er eine Tochter hatte. Daraufhin kam er zu Brigittes Beerdigung, legte Rosen unter die Hunsrückeiche. Aber warum weigert er sich so beharrlich, die Speichelprobe durchführen zu lassen, die Kommissar Fuß routinemäßig anordnet? Hatte er etwa doch bereits vorher Kontakt zu seiner Tochter – intimen gar?

Und dann die Enttäuschung im Polizeipräsidium: Die DNA-Analysen sind negativ. Bei Klinkhammer, Wolfgang Mallmann und allen anderen Verdächtigen. Zwar wird Klinkhammer dank DNA-Vergleichs einer früheren Fahrerflucht bei einem Autounfall mit blutigen Folgen überführt, doch zur Aufklärung des Verbrechens an Brigitte trägt das nicht bei. Kommissar Fuß und Hauptmeister Weiler sind wieder dort, wo sie angefangen haben. Nichts wissen sie. Außer, dass Karin Mallmann ein Verhältnis mit ihrem derzeitigen Arbeitgeber, einem Rechtsanwalt in Simmern, hat. Auch hier Lug und Trug gegenüber der Polizei, aber keine Anhaltspunkte zur Aufklärung der Geschehnisse um Brigitte.

In vino veritas. Bei einem guten Moselwein, den der Hobbywinzer Fuß in seiner Straußwirtschaft genießt, kommt ihm schlagartig die Erleuchtung: der Knopf! Stiehl könnte am Samstagabend bei der Messe versehentlich statt einer Münze seinen abgerissenen Jackenknopf in die Kollekte gegeben haben! Und Pastor Bergheimer hat den Knopf beim Kollektezählen gefunden und eingesteckt. Am Tatort schließlich, in den Turbulenzen der Ereignisse, ist er ihm unbemerkt aus der Tasche gefallen ...

Der Pastor leugnet nichts. Die erste Frau, mit der er das Zölibat brach, war Ordensschwester Roswitha. Ein gottgewolltes Paar, eine Liebe, die Himmel und Erde miteinander verband. So wurde es sogar in ihrem geistlichen Wirkungsfeld empfunden. Nach Roswithas Tod fand der Priester in der Liebe und Hingabe der jungen Brigitte erneut Anschluss an das pulsierende Leben. Zur „richtigen“ sexuellen Vereinigung kam es hier wie dort nicht, dafür war die Angst vor einer möglichen Schwangerschaft zu groß. Also Oralverkehr. Dass Brigitte dabei an Herzversagen starb, hat aus dem dynamischen Geistlichen einen gebrochenen Mann gemacht. Fast ist er erleichtert, als seine Schuld offen liegt. Und er ist uneingeschränkt bereit, dazu zu stehen, mit allen Konsequenzen. Anders seine Kirche. Die sendet einen ihrer hohen Vertreter zu Kommissar Fuß, um dafür zu sorgen, dass die Wahrheit nicht publik wird. Doch da ist sie bei dem winzernden Kriminalbeamten an den Falschen geraten. Denn dessen Herz schlägt nun mal für Wein – und Wahrheit.

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