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„Das ist das Kleid der Lüge“, sagt Manfred Grössner und zeigt seinem sechsjährigen Sohn ein langes, weißes Brautkleid. Und Großmutter Grössner erläutert: dieses Kleid habe die Mama getragen, als sie dem Papa in der Kirche vor dem lieben Gott versprochen habe, für immer bei ihm zu bleiben. Aber nun sei sie weggelaufen, habe ihren Mann und ihren kleinen Jungen einfach im Stich gelassen. Deshalb sei das schöne Brautkleid ein Kleid der Lüge. Das begreift der kleine Alexander. Und er gibt seinem Vater sein Ehrenwort, dass er es niemals so machen wird wie die Mama. Er wird ihm helfen, wo er kann, und er wird immer bei ihm bleiben. Die Dorfbevölkerung ist nicht überrascht, als die Zerrüttung der Grössnerschen Ehe publik wird. Und dass sie publik wird, dafür sorgt schon Oma Grössner, der die Schwiegertochter von jeher ein Dorn im Auge war. Die Nachricht, dass Sabine Grössner bei Nacht und Nebel mit einem anderen durchgebrannt ist, fällt auf fruchtbaren Boden. Denn die attraktive, studierte Städterin, die vor acht Jahren den Lehrer Manfred Grössner geheiratet hat und mit ihm den Reiterhof in Alldorf betreibt, hatte von Anfang an keine gute Karten in dem kleinen Dorf am Rande des Vorgebirges. Hochnäsig war sie, kühl, hielt sich für was Besseres, putzte sich ungebührlich heraus und ließ ihr Kind in Lumpen laufen. Außerdem trieb sie es mit anderen Männern. Gewiss, man kann es mit ihren beruflichen Kontakten in Verbindung bringen. Doch auf dem Dorf pflegt man die Dinge ungeschminkter beim Namen zu nennen: So eine Frau ist eine Hure, eine Schlampe, eine Zigeunerin. Kaum dem Ehemann entlaufen, lässt sie sich von einem anderen aushalten. Man kann sie nicht daran hindern, aber man kann und muss dafür sorgen, dass sie auf keinen Fall das Sorgerecht für ihren Sohn erhält. Wenn es um ein wehrloses Kind geht, müssen alle zusammenhalten. Um die Sorgerechtssache Grössner gegen Grössner braucht Manfred sich keine Sorgen zu machen. Man kennt sich. Der oberste Dienstherr des Jugendamtes ist ein Cousin Manfreds und auch sonst kann die alteingesessene Familie Grössner sich auf eine blühende Vetternwirtschaft verlassen, die sich schon öfter bewährt hat. Sabine Grössner hingegen hat nichts als einen chaotischen, später dann einen phlegmatischen Anwalt – und die schmerzhaften Erinnerungen an einen launischen, unberechenbaren Ehemann, unter dessen kleinen und größeren Gemeinheiten und Krummheiten sie jahrelang ebenso litt wie unter seiner Neigung zu Seitensprüngen, auch mit minderjährigen Schülerinnen. Das könnte sie dem Gericht erzählen. Doch sie schweigt. Abgesehen davon, dass es ihr an Beweisen mangelt, will sie Manfreds Position als Lehrer nicht gefährden. Und ihrem Sohn nicht das Vaterbild zerstören. Sie liebt Alexander über alles. Doch mit diesem Gefühl, das sich in unpassenden Momenten auch immer wieder in Gefühlsausbrüchen entlädt, lässt sich kein Staat machen. Und schon gar kein Prozess gewinnen. Die Chancen stehen schlecht für sie. Und dann erleidet das Kind einen Nervenzusammenbruch. „Ich hasse meinen Papa! Ich will nie wieder zu ihm zurück“, schreit es. Erst als Sabine ihm verspricht, mit ihm zusammen nach Alldorf zurückzukehren und dort den endgültigen Gerichtsbeschluss abzuwarten, beruhigt sich der kleine Alexander wieder. Doch Manfred lässt Sabine gar nicht ins Haus. Großmutter Grössner schwingt inzwischen hier das Zepter, sorgt aufopfernd für alles und alle – und dafür, dass das ganze Dorf es mitbekommt. Da ist für eine weitere Frau weder Platz noch Bedarf. Das zeigt sich auch bei einer Geliebten, Christa, die nach Sabines Weggang für kurze Zeit auf dem Reiterhof wohnt. Christa durchschaut Manfred und die ganzen Verhältnisse sehr bald und sucht mit ihrer kleinen Tochter das Weite. Sabine gelingt es, das vorläufige Aufenthaltsbestimmungsrecht für Alexander zu erhalten. Durch Beziehungen hinter den Kulissen wird dieses Recht zwar sogleich wieder eingeschränkt: Sabine muss statt bei ihrem neuen Lebensgefährten bei ihren Eltern wohnen, damit Alexander nicht zu weit von seiner gewohnten Umgebung entfernt wird. Dennoch, sie und ihr Sohn sind glücklich. Endlich sind sie wieder zusammen. Beide klammern sich an die Hoffnung, dass es nun für immer so bleiben wird. Das befürwortet auch ein Kinderpsychologe, den Sabine auf Anraten ihres Lebensgefährten heranzieht. Manfred Grössner hat seine eigenen psychologischen Methoden. Die Besuchstermine bei Alexander nutzt er, um das Kind mit einer Art Hypnose, wie er sie auch erfolgreich bei seinen Pferden anwendet, immer wieder an sich zu binden und in seinem Sinne zu manipulieren. Der Junge wird völlig verwirrt, weiß nicht mehr, wo er hingehört. Ein Urlaub zu dritt an der Nordsee bringt Entspannung in die Lage. Alexander erholt sich prächtig und findet bei seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten Peter endlich den emotionalen Halt, der ihm in den Turbulenzen des Sorgerechtskampfs abhanden gekommen ist. Auch Peter lebt in Scheidung, auch er hat einen Sohn in Alexanders Alter. Aber in diesem Falle läuft die Trennung fair, in gegenseitiger Wertschätzung und Rücksichtnahme auf das Kind ab. So geht es auch. Nach dem Urlaub mit der Mutter soll der Junge auch mit seinem Vater drei Wochen Ferien machen, so die gerichtliche Entscheidung. Alexander wehrt sich dagegen, doch das hilft ihm nichts. Was das Gericht will, das muss man tun, hat ihn sein Vater gelehrt. Manfred denkt allerdings nicht daran, mit seinem Sohn zum Zelten zu fahren, wie er es ihm versprochen hat, sondern nimmt ihn mit nach England. Hier, in der Isolation der fremden Insel, gerät das Kind in völlige Abhängigkeit vom Vater. Für Manfred eine willkommene Gelegenheit, es auf subtile Weise und mit immer neuen Lügen gegen seine Mutter aufzuhetzen. Zwar weiß Alexander inzwischen, dass der Papa sich gerne des Kleids der Lüge bedient - auch die Behauptung, die Mama sei ihnen weggelaufen, hat sich inzwischen ja längst als falsch erwiesen. In Wirklichkeit war es der Papa, der die Mama unter Druck gesetzt hat. Das weiß das Kind. Doch Manfreds subtile Manipulationen durchschaut es nicht, zudem ist es dem Vater ausgesetzt, in diesem schrecklichen Urlaub mehr denn je, wird zunehmend zum willenlosen Objekt von dessen finsteren Absichten. Und zum bevorzugten „Kuschelobjekt“ in Papas Bett ... Nach England ist mit Alexander nicht mehr zu reden. Er ist völlig verstört und will plötzlich von seiner Mutter nichts mehr wissen. Bis Sabine mit Polizeigewalt ihr Recht einfordert und das Kind wieder zu sich nimmt. Für eine Weile kehrt Ruhe ein. Dann aber zeigen die sorgsam geknüpften Beziehungen der Grössners Wirkung: Das Gericht verfügt, dass das Kind sofort wieder zum Vater ziehen soll. Alexander bricht weinend zusammen. Und Sabine trifft eine folgenschwere Entscheidung: Sie gibt dem Betteln ihres Sohnes nach und liefert ihn entgegen dem Gerichtsbeschluss nicht beim Papa ab, sondern fährt stattdessen mit ihm zu Peter. Nach einem kurzen Erholungsurlaub geht Alexander am neuen Wohnort seiner Mutter in die Schule. Es sieht so aus, als kehrten allmählich normale Familienverhältnisse ein. Aber nicht für lange. Dann holt Manfred hinter Sabines Rücken seinen Sohn ab. Hinter sich weiß er einen vollstreckbaren Gerichtsbeschluss – und eine Bürokratie, für deren maßgebliche Vertreter der Fall längst beschlossene Sache ist. Am Ende steht Sabine als Verliererin auf der ganzen Linie da. Alexander lebt jetzt wieder auf dem Reiterhof, bei seinem Vater, der Oma Grössner, seinen geliebten Tieren, den Nachbarn, für die er der unbestrittene Prinz ist ... und er lernt: Ein Grössner zu sein heißt, auf der Siegerseite zu stehen. Er arrangiert sich mit dem Kleid der Lüge. Nur ab und zu, wenn er alleine ist, kommt darunter der nackte kleine Alexander zum Vorschein. Und der verlangt verzweifelt nach seiner Mutter ... |
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